Atemtherapie mit Kindern - Bewegung für die Seele

In der therapeutischen Begleitung von Kindern und Jugendlichen ist das  Spiel ein wesentlicher Faktor. Es fördert die Bewegungsfreude und öffnet dem Atem neue Räume.  

 

Ursprünglich bin ich von Beruf Sozialpädagogin, heute arbeite ich als Atemtherapeutin in meiner eigenen Praxis. Gute fünfzehn Jahre habe ich mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet, die in mehrfach problematischen Lebensverhältnissen standen. Meine Berufserfahrung hat mir gezeigt, dass die Kinder, mit denen ich arbeitete, für Bewegung leicht zu begeistern waren, unabhängig von ihrem sozialen Hintergrund. Genauso erlebe ich es auch heute, wenn junge Menschen zu mir in die Atemtherapie kommen.

 

Natürlicher Bewegungsdrang

Kinder haben einen natürlichen inneren Bewegungsdrang. Bewegung schult die Wahrnehmung; dabei werden die Raumerfahrung, das Körperbewusstsein, das Koordinationsvermögen und der Gleichgewichtssinn gefordert und weiterentwickelt. Körpererfahrungen können als unmittelbares Erleben des «Ich» aufgefasst werden. Dies ist notwendig für den Aufbau von Selbstbewusstsein und für eine positiv empfundene Selbstwahrnehmung. Bewegung fördert auch den Stoffwechsel und die Festigung der Knochen, die Entwicklung von Muskeln und Organen. Die Kinder erfahren, dass ein Ball immer wieder zur Erde fällt und dass er schräge Ebenen hinunterrollen kann. Sie lernen, Bewegungen einzuschätzen und vorauszuahnen. Das Klettern auf, unter und in Möbeln schult Raumwahrnehmung und Körperbewusstsein. Der Gleichgewichtssinn und die Auseinandersetzung mit der Schwerkraft werden durch Schaukeln, sich Drehen und Hüpfen mit Spass entdeckt.

 

Zu toller Musik tanzen 

Für Kinder bilden Bewegungserfahrungen die Basis einer gesunden körperlichen und geistigen Entwicklung. In keinem Lebensalter spielt Bewegung eine so entscheidende Rolle wie in der Kindheit, und in keiner Zeit war Bewegung aufgrund der veränderten Lebenswelt mit den vielen Medien so wichtig wie heute. Genauso wichtig erscheint mir die Tatsache, dass Kinder, sobald sie sich bewegen können, auch Freude daran haben. Was gibt es Schöneres, als mit meiner fünfjährigen Tochter zu toller Musik zu tanzen? sie strahlt und «gigelet» aus vollem Herzen. Meinem Sohn sieht man an, wenn er mit dem Papa Fussball spielt und ein Goal schiesst, wie stolz und stark er sich fühlt. Als Atemtherapeutin ist es mir eine Ehre, wenn Kinder und Jugendliche zu mir finden. Viele kommen mit psychosozialen Schwierigkeiten und hoffen, dass ihre Situation sich endlich verbessert. Da sind Themen dabei wie Mobbing in der Schule, Schul- und Prüfungsängste, Stresssituationen, Schlafstörungen und so weiter. Nun gilt es, als Atemtherapeutin und Pädagogin solche Kinder aufzufangen und ein Stück auf ihrem Lebensweg zu begleiten, bis sie sich wieder stark genug fühlen, um selbständig weiterzugehen. 

 

Vertrauen schaffen

Für eine Entwicklung ist nicht nur die Freude an der Bewegung nötig, es geht um mehr – um die emotionale Bindung, die ausschlaggebend für eine gesunde Entwicklung bei Kindern und Jugendlichen ist. Der erste und wichtigste Schritt, bevor die effektive Atemarbeit überhaupt möglich wird, ist das Vertrauen in die Therapeutin. Nun, wie entsteht dieses bei Kindern? Es können die Tonlage der Stimme, vielleicht auch die Worte oder der freundliche Blick der Therapeutin sein. Was aber zählt, ist die Empfindung des Kindes während der Therapie. Sie ist zuerst und immer da, und sie ist ausschlaggebend für das Darauffolgende, weil diese dem Kind die Sicherheit und das Wohlgefühl gibt. Vieles an Austausch entsteht über die Empfindung, über das Da-Sein, sich verbunden und getragen fühlen. Daraus entsteht ein emotionales Gespräch, oder auch emotionale Nuancen, die in Richtung eines Gespräches gehen. Viele Kinder sind nicht in der Lage, ihre Gefühle, ihre Situation in Worte zu fassen, weil der Zustand für sie zu schrecklich ist, weil ihnen das Vokabular fehlt oder weil sie sich kaum spüren. Darum ist es die Aufgabe der Therapeutin, im Therapiesetting dem Kind eine Wiege zu schaffen, in der es sich sicher fühlt. Gelingt dies, wird eine Zusammenarbeit fruchten und gedeihen. An dieser Stelle kommt dann die Bewegung ins Spiel. 

 

Sich Raum nehmen und sich entfalten

Wie kann eine Therapiesitzung aussehen? Eine wunderbare Möglichkeit ist es,  einen Teil der Therapie in der Bewegung, also spielerisch, und den anderen Teil, wenn das Kind es zulässt, als kurze Behandlung auf der Liege zu gestalten. Der erste Teil kann zum Beispiel Sequenzen enthalten, die in der Bewegung, im Laufen, Stampfen, um sich zu erden und um die eigene Kraft zu spüren, erlebt werden. Der Ausatem hilft dabei, die Kraft noch intensiver zu spüren. Viele bewegende Übungen sind ideal, um sich Raum zu nehmen und sich zu entfalten. Ein tiefes Einatmen, begleitet mit runden, grossen Bewegungen, ermöglicht ein Gefühl des «Grösserwerdens». Musische Kinder sind herzhaft dabei, wenn es darum geht, Töne zu erzeugen. Auch das Tönen bewegt den Körper: laute Töne – «Ich darf laut sagen, was ich denke» – starke Töne  – «Ich darf Stopp sagen» – , lange Töne – «Ich darf präsent sein, mich zeigen» sind Beispiele davon.

 

In der Bewegung die Freude erkunden 

Ein Praxisbeispiel: Mein Sohn ist ein kleiner Zappelphilip, was für sein Alter normal ist. Klar ist, dass er in meiner Praxis zuerst schön weiterzappeln darf. Für mich gilt es, ihm zu ermöglichen, in einem Bewegungsspiel Freude zu spüren. Das gelingt zum Beispiel, indem ich ihn anleite, Seifenblasen zu erzeugen, sie dann gewinnend einzufangen. und dabei seine Freude zu spüren. Mit einem grossen Einatem darf er beginnen, und mit einem sanften Ausatem gelingen ihm viele Blasen. Das Resultat sind strahlende Augen. Was ist der Grund meines Vorgehens? Was ist mein Ziel? Er muss nicht in die körperliche Ruhe kommen. Es reicht vollkommen, wenn er in die Harmonie kommt. Das ist durch die wunderbare Kombination von Atem und Bewegung möglich. Er kommt in einen Dialog mit seiner Umwelt, Bewegung verbindet seine Innenwelt mit seiner Aussenwelt, indem er sich durch den Atem besser spürt und dadurch auch in der Lage ist, die Umwelt besser wahrzunehmen. Der Geist wird ruhiger, und seine Gedanken werden klarer.

 

Atembehandlung auf der Liege 

Schön und eindrücklich zu erleben ist auch, wenn Kinder auf der Liege behandelt werden wollen und eine therapeutische Berührung möglich wird. Ich stelle fest, dass es bei der Behandlung im Liegen immer wieder um ein Nachnähren geht, das heisst, es geht um zu kurz gekommene emotionale Grundbedürfnisse, die über eine Berührung ein Stück weit «eingeatmet» werden können. Hier gilt das Prinzip: Weniger ist mehr. Eine ruhige Berührung am Bauch darf achtsam und liebevoll auch etwas länger sein. Ein leichtes Wiegen lieben viele Kinder, weil das oftmals ein vertrautes und positives Gefühl auslöst. 

 

Freude mit im Boot 

Die Therapie mit Kindern ist in meinen Augen ein Zusammenspiel von Bewegung und Atem mit einer grossen Portion Freude am Spiel. Es ist nicht einfach eine Therapie, sondern durch das Spiel entsteht Entfaltung. Es ist immer mit der Haltung verbunden, das Kind und den Jugendlichen, der zu mir findet, zu wertschätzen und zu ehren. Nur dadurch entsteht etwas Grösseres und Heilendes. Und wenn die Freude auch mit im Boot sein darf, beginnt dieses zu schaukeln und sich zu bewegen. 

 

Rita D'Amelio Graf, 41, ist als Atemtherapeutin in eigener Praxis in Thalwil tätig.

www.atemrhythmus.ch